Fulda Gap
Aus „Fulda Gap - The First Battle of The Next War“, 1977 von Simulation Publications, Inc. verlegt.
Auf dem Weg ist man kaum allein, bis auf einige Abschnitte im Wald fällt es schwer, nicht dauerhaft mit der dichten Besiedlung des Gebiets und seinen vielseitigen gewerblichen und industriellen Nutzungen konfrontiert zu sein. Erst wenn man tiefer in die Rhön eindringt, Fulda und schließlich Hünfeld passiert, dünnt sich die Landschaft etwas aus. Das Ziel dieser Route liegt wenige Kilometer von Rasdorf entfernt. Die letzten Minuten geht man entlang der Landstraße, hoch auf eine Hügelkette. Ein braunes Hinweisschild erinnert an die historische Bedeutung der erreichten Landesgrenze zu Thüringen. „Hier waren Deutschland und Europa bis zum 21. Dezember 1989 um 8 Uhr geteilt.“
Man steht vor der heute als „Point Alpha“ bekannten Gedenkstätte, hinter dem sogenannten „Haus auf der Grenze“ lassen sich Teile der alten Grenzanlage erspähen. Einst war hier der „Observation Post Alpha“, an dem sich im Kalten Krieg das Blackhorse-Regiment der US Army und die Grenzer der DDR gegenüberstanden. Seine Brisanz ergibt sich aus der strategischen Bedeutung der Fulda-Region für den Konflikt zwischen NATO Bündnis und Ost-Block in den 70er und 80er Jahren galt die sogenannte „Fulda Gap“ als wahrscheinlichste Einfallsroute des Warschauer Pakts nach Westdeutschland wie Gesamtwesteuropa. Das konkrete Szenario einer sowjetischen Panzeroffensive entlang der Fulda Gap, die bis ins Rhein Main-Gebiet hätte vordringen können, konzentrierte ein hohes militärisches Aufkommen und breite auch atomare Verteidigungsstrategien auf beiden Seiten der Grenze. Die möglichen kollateralen Schäden im Falle einer tatsächlichen Eskalation dieses Schreckensszenarios wären wohl immens gewesen.
Perfide genau simuliert das Brettspiel „Fulda Gap – The First Battle of the Next War”, 1977 verlegt von Simulations Publications, Inc., mögliche Konflikte in der Fulda Gap und ermöglicht es, den Ausbruch eines dritten Weltkriegs in den 70er Jahren im Zentrum Europas spielerisch zu erfahren. Das Spielbrett visualisiert das mögliche Schlachtfeld der Kampfhandlungen und ist Abbild einer Landschaft, die Millionen von Menschen damals wie heute beheimatet. Heutzutage deutet wenig auf diese Beinahe-Katastrophe hin. Die fotografische Dokumentation der Route fand nicht in der historischen Vergangenheit des Kalten Kriegs statt, sondern zeigt die Region in einer Zeit, in der sich solche dystopischen „Fantasien“ nur schwer ins Herz der Bundesrepublik projizieren lassen. Gleich verhält es sich mit meinen persönlichen familiären Beziehungen zu Fulda und der Route durch die Fulda Gap. Meine Kindheitserinnerungen und das Heimatgefühl gegenüber dieser Region stehen gänzlich der Funktion als Schlachtfeld einer gravierenden Panzeroffensive gegenüber, die sich nur rund 25 Jahre vorher hätte ereignen können.
Gleichzeitig drängen sich unserer Gegenwart, viele Jahrzehnte später, Bedrohungen und Gefahren auf, die sich im historischen Beispiel der Fulda Gap wiederfinden. Dieses Projekt entstand aus dem Versuch, das historische Szenario in die Nähe unserer Gegenwart zu rücken. Schon längst ist die Illusion eines unantastbaren Friedens, mit dem ich aufwuchs, geplatzt und Destabilisierung, Verunsicherung und Drohkulissen bestimmen das kollektive Lebensgefühl. Was lehrt uns dieses dystopische Szenario, das Eskalationspotential der Fulda Gap, und welche Aussichten lassen sich von der historischen Bedeutung dieser Region ableiten?
20.02.2026 - 16.08.2026 I Worlds within Worlds, Deutsche Börse Photography Foundation, Eschborn
18.07.2025 - 20.07.2025 I Rundgang der Hochschule für Gestaltung Offenbach (Rundgangspreis der DBPF)