Hermannsland


Dokumentenausschnitt: Drucksache 21/29, Deutscher Bundestag, 11.04.2025
Abbildung: Berlin, 1936, Copyright AP
Gedichtsauszug: Die blaue Blume, Jospeh von Eichendorff, 1818

Im sogenannten „Hermannsland“, das Neo-Nazis, Rechtspopulisten, Braun-Esoteriker und schon die ideologischen Architekten des NS Regimes in der Gegend Ostwestfalen Lippe bei Detmold verorten, greifen NS-Ideologie, neurechter Kulturkampf und neonazistischer Kult ineinander. Diese fiktiv-nationalistische Landschaft dient als Rahmen der Erörterung einiger Wirren, die zwischen geschichtsrevisionistischen, kulturkämpferischen und Vereinnahmungen und ideologischen Überschreibungen entstehen.












Die blaue Blume


Eine blaue Stoffblume ziert am 25. März 2025 das Revers eines Bundestagsabgeordneten. Vom am selben Tag neu gewählten Präsidium unbemerkt, entlarvt niemand die Bedeutung des kleinen floralen Ansteckers. 

Erst wenige Tage später erfährt die Blüte die ihr angemessene Aufmerksamkeit durch Jens-Christian Wagner, Leiter der KZ-Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau Dora, der ihre ideologischen und menschenfeindlichen Hintergründe anprangert. Ein Erkennungszeichen bot die Kornblume – als florale Alternative zum Hakenkreuz – den österreichischen NSDAP-Anhänger*innen nach dem Verbot der Partei 1933. Mit der blauen Blüte bediente man sich dem Symbol der antisemitischen, deutschnationalen Schönerer-Bewegung, die auch als ideologisches Vorbild Adolf Hitlers und der NSDAP gilt.

Besonders kulturell aufgeladen wurde das Motiv der blauen Blume bereits in der Romantik. Über Novalis und Eichendorff entwickelte sie sich zum zentralen Motiv der romantischen Lyrik und verkörpert die Suche und Sehnsucht nach dem Unendlichen und Idealen, auch in der Verbindung von Geist und Natur. Ihre Anschlussfähigkeit für Erzählungen (neu)rechter Art geht über ein rein historisches Phänomen hinaus – gewissermaßen verkörpert die blaue Blume auch den, der Romantik zugrundeliegenden, erkenntnisfeindlichen Wirklichkeitsbegriff, der sich von den Idealen der Aufklärung abgrenzt und Emotion, Mythos, das Unbewusste und Traumhafte zum Zentrum seines Menschenbilds erklärt.


(Dokumentenausschnitt aus: Deutscher Bundestag, Drucksache 21/29, 11.04.2025)

(Gedichtauszug aus: Die blaue Blume, Joseph von Eichendorff 1818)










Der Eichensetzling


Die, bei den olympischen Sommerspielen 1936 verliehenen, Olympia-Eichen, umgangssprachlich auch Hitler-Eichen oder Siegeichen genannt, überreichte die NSDAP den Gewinner*innen der 130 Goldmedaillen. Symbolisch fungierten die eingetopften Stieleichen als „Sinnbild deutschen Wesens, deutscher Kraft, deutscher Stärke und deutscher Gastfreundschaft“. Die Olympischen Spiele und gefeierten sportlichen Erfolge, die in der Staatsinszenierung des jungen NS-Staats besonders auch dem Versuch eines Überlegenheitsbeweis der arischen Rasse zu dienen hatten, wurden durch das begleitende Geschenk unmittelbar angeschlossen, an die seit der Romantik bestehenden mythologischen Überhöhung des „deutschen Waldes“, als exklusivem Erlebnis- und Resonanzraum für die neu geborene, später „arische“ Nation. Die Eiche oder ihr Abbild ist dabei ein der zentralen Metaphern für das Idealbild deutscher „Werte und Tugenden.

Zum ungeplanten „Liebling“ der Sommerspiele ´36 avancierte Jesse Owens, US-amerikanischer Leichtathlet, der durch seine herausragende sportliche Leistung in Berlin mit insgesamt vier Goldmedaillen den rassistischen Inszenierungsfantasien der NSDAP entgegenwirkte, wie auch der strukturell-rassistischen Diskriminierung in seinem Heimatland und dem US amerikanischen Leichtathletik-Betrieb.


(Abbildung: 1936, Berlin, (c) AP)









Wewelsburg, Externsteine und Hermannsdenkmal


Konkret wird das „urdeutsche“ Hermannsland geographisch in den Mittelgebirgszügen des Teutoburger Waldes, gelegen zwischen den drei Kultstätten Wewelsburg, Externsteine und Hermannsdenkmal. Besonders perfide bedient man sich mit der Wewelsburg auch einem Ort mit schwerwiegender Zwangsarbeits- wie Vernichtungs-Vergangenheit. Nach den Plänen Heinrich Himmlers wurde das Renaissance-Schloss – unter Einsatz der Inhaftierten, des zu diesem Zwecke nahegelegenen Konzentrationslagers – zu einem Versammlungs- und Tagungsort für die Eliten der Waffen-SS ausgebaut. In Folge der Zwangsarbeiten und Lagerbedingungen kamen mindestens 1200 Häftlinge ums Leben. Heute erinnert eine Gedenkstätte der Verbrechen an der Wewelsburg. Die in den Boden des „Obergruppenführersaal“ eingelassene sogenannte „Schwarze Sonne“, heute internationales Symbol der rechtsextremen Szene, generiert auch eine erhebliche Anzahl rechtsextremer Besucherschaft.

Nord-Östlich erheben sich die Extern Steine und das Hermannsdenkmal über den Teutoburger Wald. Erstere waren Schauplatz der, an die Wewelsburg angeschlossenen, „Germanenforschungen“ durch Waffen-SS und NSDAP. Diese dienten dem vermeintlicher Nachweises eines germanischen Kultorts. Die Mythologisierung durch die Nationalsozialisten sollte eine vermeintlich deutsch-germanische Hochkultur belegen und liefert noch heute dem völkisch-esoterischen Millieu ein bedeutungsgeladenes Pilger-Ziel.

Seinen Höhepunkt finden die romantischen, nationalsozialistischen wie neu-rechten Versuche eine Kontinuitätslinie von den Germanen unmittelbarer Nähe zu Detmold. Das Hermannsdenkmal verkörpert eine der zentralen Erzählungen, der über das 19. Jahrhundert neu geschaffenen nationalen Identität zwischen Vormärz, Nationalversammlung 1848 und schließlich der Reichsgründung 1871.

Zentrale Figur dieser Erzählung ist der Cheruskerfürsten Arminius, der in der Varusschlacht die germanischen Stämme geeint haben soll, und so die Nordexpansion der römischen Besatzer verhinderte. Der Versuch der Anbindung dieser Figur an die deutsche Nation und der Erzählung einer vermeintlichen nationalen Geburtsstunde zur Zeit der Antike bilden die Eckpfeiler des sogenannten „Germanenmythos“.

Der NS-Propaganda Apparat bediente sich dieser geschichtsrevisionistischen Schein-Kontinuität und schuf die sogenannte „Blut und Boden“ Ideologie. Diese geht von einer symbiotischen Untrennbarkeit von „nordisch-arischer“ Rasse und ihrem „historischen“ Siedlungsgebiet aus und bildet damit die vermeintliche Rechtfertigungsgrundlage für die Vertreibungs- und Vernichtungsfantasien gegenüber der Vielzahl an kulturellen, ethnischen und religiösen Gruppen und ideologiefremden Identitäten.

Heute findet diese historische, klar geschichtsrevisionistische Konstruktion häufig untergründig oder ganz oberflächlich Anschluss an ethnopluralistische Argumentationslinien rechtspopulistischer oder neonazistischer Positionen.



16.04.2026 - 05.05.2026 I see saw sort, Basement des ATELIERFRANKFURT e.V., Frankfurt am Main